Auf Kastanienjagd – Spurensuche in der Geschichte

Im letzten Blog hatte ich ja etwas großspurig verkündet, dass ich von nun an Kastanien als Waschmittel verwenden wolle. Nun, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, braucht es Kastanien und zwar richtig viele.

Ich bin also auf Kastaniensuche gegangen. Wenn man das gezielt macht, ist es doch etwas anderes als wenn man zufällig ein paar schöne Kastanien bei einem Spaziergang findet. Wo stehen also die Kastanienbäume habe ich mich gefragt? Mitten im Wald – eher nicht, zumindest nicht bei uns.

Warum eigentlich nicht? Diese Frage hat mich umgetrieben, vor allem, als ich gemerkt habe, wo ich vor allem Kastanien finde.

Nämlich auf dem Parkplatz des Ärztezentrums. Warum? Das Ärztezentrum war früher

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Hier war früher der Park des Gutshauses

 

einmal ein Herrenhaus. Da, wo heute der Parkplatz ist, war früher die Auffahrt zum Herrenhaus. An dieser Auffahrt wurden die Rosskastanien vor über hundert Jahren als Zierbäume gepflanzt. Es gibt Bilder, auf denen man sehen kann, wie die Kastanien das Rondell säumten, auf dem die Kutschen zum Gutshaus hochfuhren.

Sie waren selten und galten deswegen als besondere Bäume. Die Kastanien waren nämlich nach der letzten Eiszeit nur noch in Albanien, Griechenland und Mazedonien heimisch, nicht mehr in Mitteleuropa. Erst gegen Ende des  16. Jahrhundert wurde die Rosskastanie von Reisenden aus Byzanz wieder nach Mitteleuropa gebracht. Unter dem Sonnenkönig Ludwigs XIV. wurde sie ein wichtiges Element in der Gartengestaltung. Einzeln im Schlosspark oder in Gruppen, oder auch als Alleebaum – hier fand die Kastanie ihr Zuhause. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Nur manchmal finden wir verwilderte Bäume in Eichenmischwäldern.

In Süddeutschland gibt es Kastanien besonders häufig in Biergärten, auch dahinter gibt es eine Geschichte: Die Bierbrauer an der Isar haben die Kastanie gerne auf ihre Erdkeller gepflanzt, da diese einen besonders dunklen und kühlen Schatten spenden. Als später die Bierbrauer anfingen, das Bier direkt an Ort und Stelle auszuschenken, entstanden die Biergärten – inmitten eines Meeres von Rosskastanien.

Doch so gerne ich auch immer von Münchener Biergärten träume (ich habe in München studiert), zurück nach Norddeutschland auf den Parkplatz, der eben nicht nur ein trister Ort ist, sondern seine eigene Vergangenheit hat. Nicht nur die Rosskastanien erzählen von früheren Zeiten, es wachsen hier auch Esskastanien und Robinien, zwei weitere Arten, die vor allem als Zierbäume in Parks und Alleen gepflanzt wurden.

Das zu wissen, macht mich reicher, macht meine Verbindung zu diesem Ort (der nicht mein Heimatort ist, dessen Geschichte ich nur aus Büchern kenne) tiefer. Und es bereichert auch mein tägliches Leben. Denn das ist der Weg, den ich jeden Tag zum Kindergarten meiner Kinder gehe. Er sieht nicht schön aus, aber das Wissen um seine Geschichte verbindet mich mit ihm und ich kann mich daran freuen, dass hier, mitten in einer in den 60er Jahren gestalteten Backsteinwüste, Rosskastanien, Esskastanien und Robinien stehen.

Ich möchte euch einladen, auf die Bäume in eurer Umgebung zu achten. Wo steht bei euch die nächste Kastanie? Der nächste seltene Baum? Was erzählen euch die Bäume über die Geschichte eures Ortes?

Fakten Rosskastanie:

Die Rosskastanie kann bis zu 25m hoch werden, die Wurzeln sind tiefreichend, bis zu 7m tief. Die Früchte der Rosskastanie sind voller Saponine, darum eignen sie sich gut zur Seifenherstellung. (Hier findet ihr mehr darüber). Für Menschen sind die Früchte – im Gegensatz zu denen der Esskastanie – nicht essbar, aber Reh- und Damwild fressen sie gerne, da sie bis zu 30% Stärke enthalten.

Die Rosskastanien helfen auch erkrankten Pferden bei Husten und Wurmerkrankungen, daher kommt auch der Name.

Momentan sieht man viele Rosskastanien, deren Blätter sich bereits im August braun verfärben, das liegt an der Miniermotte, deren Larven sich durch die Blätter fressen.

Fakten Esskastanie:

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Esskastanien

Die Esskastanie oder auch Edelkastanie ist keine Verwandte der Rosskastanie, sondern ein Buchengewächs. Sie kommt aus dem Mittelmeerraum und ist mit den Römern nach Mitteleuropa gekommen. Die Esskastanie bevorzugt wintermilde, sommerwarme, luftfeuchte Klimalagen und ist bei uns in Norddeutschland nur vereinzelt in Wäldern anzutreffen. Auch sie wurde bevorzugt in Gärten und Parks als Zierbaum angepflanzt.

Ihre Früchte, die Maronen, sind sehr lecker.

Literatur:

Regina Sommer, „Bäume. Das Haarkleid der Erde“, Biber Verlag 2010. 

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