Mein Weg zum Johanniskraut. Wie ich lernte, die Landschaft zu lesen.

Schon letzten Winter habe ich von Johanniskraut geträumt. Ich hatte mich gerade dafür entschieden, dass Färben mit Naturfarben mein Projekt für die Wildnisschule sein sollte und Johanniskraut war einer der ersten Pflanzen, die mir empfohlen wurde. Ich kannte aber kein Johanniskraut und wusste nichts darüber.

So schrieb ich in mein Notizbuch: Johanniskraut für den Garten?

Natürlich vergaß ich diese hehre Vorhaben im Chaos unseres normalen Alltags wieder. Bis letzte Woche. Am 24.6. war Johannistag und ich wollte unbedingt Johanniskraut finden.

Aber bisher hatte ich es noch nirgendwo gesehen. An meinem Sitzplatz an der Bille gab es keines, da hatte ich alles abgesucht. Auch sonst nirgendwo im Wald und im Tal, wo ich immer sonst unterwegs bin.

Wo?

Doch wo sonst sollte ich suchen? Ich konzentrierte mich während meiner morgendlichen Mediation auf das Johanniskraut und hielt dann die Augen auf. Und siehe da: In einem Moment vollkommener Synchronizität, wo ich die Farben und Gerüche der Kartoffelrosen am Wegesrand ganz intensiv wahrnahm, entdeckte ich es auf einmal: das Johanniskraut. Ich sah es und wusste einfach: Das ist es.

Und seitdem sind meine Augen geöffnet: Als ich von der Kita zurückkam, bemerkte ich, dass sogar direkt bei uns in der Hofeinfahrt, gleich bei der Goldrute, Johanniskraut wächst.

Ab da sah ich überall Johanniskraut. Aber leider immer nur an Straßenrändern, wo ich nicht halten konnte.

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Doch ich hatte begriffen, wo das Johanniskraut wächst. (Ja, ich hatte das vorher natürlich auch gelesen, aber ich  muss es auch sehen, um es zu begreifen. Das Wissen liegt im Tun – das hat mich Paul Wernicke von der Wildnisschule Hoher Fläming gelehrt.)

Ich setzte mich also auf mein Fahrrad und ließ mich von meiner Intuition leiten. Sie führte mich den Berg hinauf auf die Geest, wo ich sonst nie hinfahre, da man dafür den gesamten Ort durchqueren muss.

Die Landschaft hier ist stark von der letzten Eiszeit geprägt. Als sich die Gletscher zurückzogen, bildeten sich Rinnsale, durch die das Gletscherwasser ablief. Und eines dieser Rinnsale ist heute die Bille, an der wir wohnen. Links und rechts der Bille befinden sich naturbelassene Auwälder, dann steigen die Täler relativ steil an und oben auf dem Berg ist dann der Geestrücken ( „gest“ heißt im Niederdeutschen „unfruchtbar“), hier gibt es Kies- und Sandgruben, die aus den von den Gletscher glattgeschmirgelten Steinen Skandinaviens entstanden und durch die Gletscher bis nach Norddeutschland getragen wurden. Die Böden sind hier also trocken und der Wind pfeift ungehindert über die Felder.

Damit der Wind nicht alle Samen und Pflanzen fortweht, gibt es hier überall so genannte Knicks, das sind Hecken aus Weißdorn und anderen Büschen, die sehr dicht wachsen, da sie regelmäßig beschnitten werden und die vielen Vögeln und anderen Tieren Schutz und Heimat bieten.

Ich erreichte die ersten Felder, sah den ersten Knick. Intuitiv machte ich halt und ging den kleinen Hohlweg zwischen den Knicks entlang. Es schien einer diesen alten Wege zu sein, aus den Zeiten, als noch Verkehr noch aus Pferden und Fußgängern bestand. Ich liebe diese alten Wege, sie geben eine Vorstellung davon, wie man früher gelebt hat, als das Auto noch nicht das Verkehrsnetz überformt hatte.

Nach einer Weile hörten die Knicks auf und ich spürte den Wind, der hier oben über die Felder strich. Kamille leuchtete überall am Feldrande, ein Bündel Goldrute wehte verheißungsvoll im Wind. Und gleich neben der Goldrute: Johanniskraut in großen Mengen!!!

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Ich war glücklich und pflückte dankbar und vorsichtig eine ausreichende Menge Blüten. Dabei passe ich immer auf, dass noch genügend Blüten für die Bienen und zur Weitervermehrung übrig bleiben.

Wie?

Woher ich gewusst habe, dass ich dort oben Johanniskraut finden würde? Was passiert, wenn man sich von der Intuition leiten lässt?

So lässt es sich erklären: Ich hatte Johanniskraut das erste Mal am Straßenrand entdeckt auf einem trockenen Boden. Darum hatte ich bisher im Tal nichts gesehen, dort sind die Böden einfach zu feucht.

Auch bei uns in der Einfahrt und am Straßenrand wachsen nur Pflanzen, die in der Lage sind mit sehr wenig Wasser auszukommen.

Die Böden auf der Geest sind steinig und trocken. Darum war ich intuitiv dorthin gefahren. An den Knicks findet man immer verschiedene Pflanzengesellschaft und das Vorhandensein von Goldrute hatte mich aufmerksam gemacht, denn diese war ja auch in der Einfahrt vorhanden. All diese Faktoren hatten mich dazu geführt, das Johanniskraut auf Anhieb zu finden.

Ich möchte euch einladen, auf eure Intuition zu hören, wenn ihr hinaus geht. Seid offen für das, was ihr seht, versucht es einfach wahrzunehmen. Ihr müsst es nicht gleich analysieren, euer Unterbewusstsein macht das schon für euch.

Und natürlich möchte ich euch einladen, das Johanniskraut besser kennen zu lernen. Denn Johanniskraut ist eine unglaublich vielseitige Pflanze. Färben kann man mit ihr, Tee für die dunklen Wintertage herstellen und auch Heilöl …..doch dazu nächste Woche mehr.

Wie sieht es bei euch aus? Was hat die Landschaft geformt? Wo ist es steinig, wo feucht? Was findet ihr dort? Ich würde mich sehr über eure Rückmeldungen freuen!!

Weiterführende Tipps und Links:

Die Sache mit der Intuition habe ich mir nicht selber ausgedacht, sie stammt von Tom Brown jr., dem Urvater der Wildnispädagogik. Er hat das Wissen, das er in einem jahrelangen Mentoring von einem Apache namens Stalking Wolf empfangen hat, aufgeschrieben. Tom Browns Bücher gibt es auf Deutsch leider nur antiquarisch, wer auch gerne Englisch liest, kann sich hier einen Überblick verschaffen.

Mehr Informationen über die wichtige Rolle der Knicks in Norddeutschland findet ihr hier.

 

 

2 Comments

  1. Das Johanniskraut hat mir vor ein paar Jahren eine leider inzwischen jung gestorbene sehr liebe Bekannte nahe gebracht und ich muss immer an sie denken, wenn ich dieses Kraut sehe; sie sammelte und verarbeitete es auch.
    Sogar hier in Berlins Innenstadt wächst an manchen Stellen dieses Kraut – wie Du beobachtet hast, gern auf trockenen verwilderten Wiesen und am Rand von Parks. Ich halte immer einen Moment inne, wenn ich es blühen sehe, und denke an sie.

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