Annäherung an die Amsel – Vogelsprache für Anfänger

„Duk, duk, duk, duk“, mit einem Protest fliegt die Amsel vor mir auf. Ich habe sie erschreckt, bin ihr zu nahe gekommen. Mit ihrem Ruf warnt sie andere Vögel in der Nähe, dass eine Störung vorliegt. Ich ziehe mich langsam zurück, der Vogel beobachtet mich aufmerksam. Schließlich entspannt er sich, und fängt nach kurzer Zeit wieder an zu singen. Ich höre ein Weilchen zu, der Gesang der Amsel verzaubert mich immer wieder. Sie singt vor allem am Abend und am Morgen, aber jetzt ist Gesang auch tagsüber zu hören – bis ungefähr Ende Juni, Anfang Juli, dann verstummt sie für den Rest des Jahres. Und darum ist für mich im Mai und Juni Amselzeit, denn jetzt erklingt ihr hübscher Gesang aus allen Ecken und Enden.

Wie ihr ihn erkennt? Für euch klingt alles gleich? Ihr seid eh unmusikalisch und erkennt immer gar nichts?

Darf ich euch dazu eine Geschichte erzählen?

Ich gehöre auch zu denjenigen, die keine Melodie erkennen können, geschweige denn reproduzieren. Mein Blockflötengewimmer konnte ganze Hundescharen verjagen und bis heute lande ich bei Singstar zuverlässig auf dem letzten Platz.

Und so war ich bei meinem ersten Vogelsprachenworkshop auch ziemlich skeptisch. Ich hatte keine Ahnung und fühlte mich dadurch ziemlich eingeschüchtert. Die anderen konnten den Fitis erkennen (Wie sah der überhaupt aus??) oder den Zilpzalp und ich hörte immer nur das Gleiche. Buchfink? Mäusebussard? Fehlanzeige. Panik stieg in mir hoch und legte sich auch so schnell nicht mehr.

Doch dann bekamen wir am Ende des Seminars noch einen Tipp: Wir sollten uns auf die so genannten Helfervögel konzentrieren. Helfervögel, das sind die Vögel, die die ganze Zeit um uns herum sind. Amsel, Rotkehlchen, Blaumeise, Kohlmeise, Singdrossel, Zaunkönig, Haussperling und Buchfink. Diese Vögel sind sehr häufig, so genannte Standvögel, die auch im Winter  zu hören sind.

Diesen Tipp nahm ich mit nach Hause und in den nächsten Woche achtete ich einfach darauf, welche Vögel direkt vor meiner Haustür lebten. Vor allem die Amseln fielen mir immer wieder auf. Irgendwann wurde mir klar, dass es immer dasselbe Amselpäärchen ist, das vor unserem Wohnzimmerfenster im Garten sitzt und die Regenwürmer aus der Erde pickt. Von da an fügte sich eins zum anderen. Ich begann immer mehr auf das Verhalten der Amsel zu achten? Wo saß sie? Wo fand sie ihr Fressen? Wann sang sie? Wo war ihr Nest? Was machte sie bei Gefahr? Welche Töne gab sie von sich? In welcher Situation?

Und so weiß ich inzwischen, dass sie bei Gefahr „duk, duk, duk“ macht, und auffliegt. Es sei denn der Greifvogel kommt, dann gibt sie einen hohen Ton „ziee“ von sich und duckt sich so dicht wie möglich ins Gras.

Aber nicht nur die Amsel, auch die anderen Vögel sind mir jetzt viel näher. Auf meinem täglichen Gang zur Kita (wahrlich kein attraktiver Weg) achte ich immer auf den Flug der Tauben und beobachte den Streit der  Elstern. Im Frühjahr habe ich endlich gelernt den Gesang der Kohlmeise zu identifizieren. Und den des Zilpzalp. Dank meines Sitzplatzes kann ich jetzt den Ruf des Mäusebussards erkennen.

Es sind kleine Schritte und jeder große Vogelexperte wird die Stirn runzeln. Doch ums Expertentum geht es mir auch gar nicht. Es geht um die Verbindung zur Natur, darum einfach wieder wahrzunehmen, was um uns herum passiert. Wenn ich jetzt im Garten sitze, schaue ich auf, wenn ich den Alarm der Amsel höre. Ist die Katze wieder unterwegs? Oder vielleicht sogar der Fuchs?

Und wenn der Alarm dann vorbei ist, genieße ich wieder ihr einzigartiges Konzert.

Welche Vögel wohnen bei euch vor der Haustür?

Empfehlungen:

Ihr wollt mehr über die Vogelsprache wissen? Das absolute Standardwerk ist vom Ralph Müller, „Die geheime Sprache der Vögel“, Aarau und München 2011.

9 Comments

  1. Vor meiner Haustür bzw. vor meinem Fenster hatte ich letzten Sommer wundervolle Begegnungen mit Vögeln. Besonders der Stieglitz hatte es mir angetan. Hier habe ich darüber geschrieben: https://seelenglimmern.com/2016/09/21/war-das-jetzt-wirklich-die-macht-meiner-gedanken-kopfkratz/
    Vögel sind wundervolle Geschöpfe und ich freue mich immer sehr, wenn welche in meiner Nähe sind 🙂

    Liebe Grüsse und schönen Tag,
    Christel

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    1. Danke dir für den Tipp, das schaue ich mir gleich an. Ich finde Stieglitze auch wunderschön, habe im Winter ganz viele an unseren Sonnenblumen beobachten können. Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag. Liebe Grüße Kathrin

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  2. Ich bin ganz erstaunt, ab Juli singen die Amseln nicht mehr ?? Naja, es gibt ja so einiges, was man nicht unbedingt mitbekommt. Mir hilft immer wieder mal, wenn ich das Glück habe, den Vogel zusammen mit seinem Gesang zu erleben. Hier zwitscherte immer einer ganz wunderbar. Bis ich ihn endlich mal sehen konnte: eine Mönchsgrasmücke. Dann habe ich den Vogel mit dem Gesang im Internet gesucht und: es paßte 🙂 Bei den Meisen bin ich immer wieder erstaunt, was die noch drauf haben. Ich denke, ich kenne ihre Lieder und dann kommt wieder was mir völlig unbekanntes. Es ist und bleibt spannend. Und es macht Spaß und tut gut, sie zu beobachten und ihnen zu lauschen 🙂

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    1. Danke dir für deine schöne Nachricht! Eine Mönchsgrasmücke am Gesang zu identifizieren, das ist toll!! Ja, die Amseln singen irgendwann im Juli das letzte Mal, hör mal hin. Für mich immer ein Signal, dass es wieder dem Herbst entgegen geht. Liebe Grüße und einen schönen Start in die Woche wünsche ich dir!

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      1. Ich bin gespannt, wann es soweit ist. Bislang ist mir das noch nie aufgefallen. Auch irgendwie unglaublich. Aber es gibt ja immer ein erstes Mal und so lernt man in jedem Blog was Neues dazu 🙂 Von Herbst möchte ich jetzt noch nichts hören, auch wenn ich ihn sehr liebe, aber die Tage werden schon wieder kürzer. So gesehen, gehts darauf zu. Dir auch eine schöne Woche ! Liebe Grüße, Almuth

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  3. Vielen Dank für deinen tollen Post!
    Auf meinem Balkon habe ich seit Jahren immer wieder das Glück ein Amselnest zu beherbergen. Dabei darf ich natülich auch die Kommunikation zwischen den Eltern und auch mit ihren Pieplingen erleben und bin oft fasziniert. Übrigens glaube ich auch sehr sicher, dass die Amseln zählen können. 4 Kleine: 4 Rosinen werden aufgepickt. Ob es bei der Verteilung dann auch gerecht zugeht, ist eine andere Frage ;o)
    Beim Lesen deines Textes wurde mir bewusst, dass der Amselpapa – im Gegensatz zu sonst – dieses Jahr gar nicht wahrnehmbar gesungen hat. Seltsam!
    Einen schönen Tag dir,
    Claudiagruß

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    1. Liebe Claudia, vielen Dank für deine lieben Worte. Und spannend, was alles auf deinem Balkon passiert, muss ich unbedingt nachlesen! Ich wünsche dir auch einen schönen Tag! Liebe Grüße Kathrin

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